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Interview: Barbara Lison und Christine Wellems im Gespräch mit den Nachwuchsstipendiaten

Ein Kommentar

Zum Gespräch mit Barbara Lison und Christine Wellems in der Lobby des Hotels Southern Sun Waterfront wird südafrikanischer Rooibostee serviert. Draußen herrschen bei schönstem Sonnenschein windig-herbstliche Temperaturen. Die Atmosphäre im Empfangsbereich des Hotels wirkt entspannt: Man merkt, dass das Kongresszentrum lediglich ein paar Schritte entfernt ist und manch WLIC-Teilnehmer/in hier die Möglichkeit nutzt, sich zwischen zwei Meetings bzw. Veranstaltungen vom Kongresstrubel auszuruhen. Anlass für das Doppelinterview ist das Ende der zweiten Amtszeit von Barbara Lison (Stadtbibliothek Bremen) im IFLA Governing Board und der Beginn der Amtsperiode von Christine Wellems (Parlamentarische Informationsdienste Hamburg). Neben Fragen zur Bedeutung der IFLA und dem Engagement der beiden Interviewpartnerinnen wird im Gespräch auch die Auseinandersetzung der IFLA mit der aktuellen internationalen Flüchtlingsproblematik thematisiert.

Zum Einstieg eine hypothetische Frage: Wie müssten wir uns eine Bibliothekswelt ohne die IFLA vorstellen?

Lison: Die Konsequenzen wären eine nationale Zersplitterung in strategischen Fragen, keine Repräsentanz auf Ebenen, wo diese Fragen auf höchster internationaler Ebene verhandelt werden, also zum Beispiel bei der UN, UNESCO oder der WIPO [World Intellectual Property Organization]. Viele regionale strategische Fragen würden wahrscheinlich nicht in der jetzigen Form diskutiert und gebündelt werden, um diese auf Weltebene voranzubringen.
Ein kurzes Beispiel: Wir sind in der WIPO vertreten und diskutieren dort zentrale Fragen des Urheberrechts. Das Fehlen der IFLA auf dieser Ebene würde für eine einzelne Bibliothek vielleicht anfangs nicht so sehr ins Gewicht fallen, aber spätestens dann, wenn bei dieser Bibliothek keine E-Books mehr ausleihbar wären, würde sich der fehlende Einfluss der IFLA bemerkbar machen.

Wellems: Der Blick aus der Praxis heraus zeigt zudem, dass man ohne IFLA keinen Wind unter den Flügeln hätte. Ich brauche als Bibliothekarin in einer Parlamentsbibliothek auch den fachlichen Austausch über nationale Grenzen hinweg. Ohne die IFLA wäre das nicht möglich.

Lison: Damit spricht Christine Wellems die Internationalität des fachlichen Austausches an. Die andere wichtige Dimension der IFLA ist eben der politisch-strategische Austausch.

Welche Rolle spielt die IFLA in Ihren beiden Heimateinrichtungen? Wie wird Ihr Engagement bei der IFLA wahrgenommen?

Lison: In meinem Haus? In etwa nach dem Motto, die Lison ist dann mal wieder weg, die reist gerne. Am Anfang hatten die Mitarbeiter Angst: ‚Oh, was bringt sie uns jetzt wieder mit? Da müssen wir jetzt bestimmt etwas tun…‘ Ich versuche, dass auch andere KollegInnen aus meiner Bibliothek weltweit tätig sind. Das muss nicht unbedingt in der IFLA sein, sondern ist zum Beispiel auch über die Goethe-Institute möglich. In Kürze reisen KollegInnen aus Bremen ans brasilianische und chinesische Goethe-Institut, um zu besonderen Themen Vorträge bzw. Seminare zu halten. Dadurch werden MitarbeiterInnen gefordert und gleichzeitig gefördert.

Wellems: Bei mir sind die Strukturen anders, so dass für das Engagement zunächst immer die Zustimmung der Dienststelle einzuholen ist. Dabei hatte ich bisher das Glück, dass die politische Leitung der Hamburger Bürgerschaft stets Verständnis für meine Aktivitäten bei der IFLA aufbrachte. Das entspricht in gewisser Weise natürlich auch dem Selbstbild Hamburgs als weltoffene Stadt. Auch meine MitarbeiterInnen unterstützen mich, weil sie erkannt haben, dass ein IFLA-Engagement einen Blick über den Tellerrand ermöglicht und mit interessanten Ideen einher geht.

Die IFLA verfolgt eine Mehrsprachigkeitsagenda: Sind sieben offizielle Sprachen in Zukunft tatsächlich erforderlich?

Lison: Die Mehrsprachigkeit ist grundsätzlich ein Kennzeichen einer international tätigen Organisation. Sie hat auch mit dem Konzept von „Inklusion“ zu tun. Für uns Deutsche, die wir Englisch ja als Arbeitssprache adoptiert haben, stellt sich das Thema sicher anders dar, als für zum Beispiel die Chinesisch oder Arabisch sprechenden Kolleginnen und Kollegen. Es geht für uns Deutsche zum Beispiel konkret um die Frage, ob wir überhaupt eine Übersetzung brauchen. Von den TeilnehmerInnen, die nach Kapstadt kommen, erwartet man natürlich, dass sie Englisch beherrschen. Aber bei der IFLA-Konferenz in Puerto Rico im Jahr 2011 sprachen viele Redner ausschließlich Spanisch. Wie viele deutsche Konferenzteilnehmer sprechen Spanisch?

Es ist in der Tat ein politisches Thema, über das wir im Nationalkomitee diskutieren und wo wir die Frage stellen, ob Deutsch als IFLA-Arbeitssprache noch weiter notwendig ist. Die Diskussionen der spanischen oder französischen KollegInnen sind da ganz anders: Denen ist es ein ganz wichtiges Anliegen, dass ihre Sprachen als IFLA-Amtssprachen erhalten bleiben – komme was wolle!

Die Arbeit der Dolmetscher ist ja für die IFLA mit hohen Kosten verbunden, und wir entscheiden im IFLA-Nationalkomitee jedes Jahr aufs Neue, ob wir überhaupt ein deutsches Dolmetscher-Team stellen sollen. In Singapur haben wir zum Beispiel darauf verzichtet. Leider können wir keinen Deal mit der IFLA machen und das deutsche Blog-Team finanziell mehr unterstützen lassen.

Die aktuelle internationale Flüchtlingsproblematik ist auf dem diesjährigen IFLA-Weltkongress in Kapstadt immer wieder Gegenstand von Gesprächen zwischen Kolleginnen und Kollegen. Inwieweit ist denn die Situation von Flüchtlingen und die Möglichkeiten des Zugangs zu Bildung und Information ein Thema in der IFLA?

Lison: Indirekt gibt es eine Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsthematik, indem die IFLA einen ihrer Arbeitsschwerpunkte auf Katastrophenmanagement legt. Dabei handelt es sich jedoch hauptsächlich um die Bewahrung und den Schutz von Bibliotheken und deren Bestände.

Wellems: Seit kurzem ist das Risikoregister der IFLA für dokumentarisches Erbe gestartet, dabei geht es um das Bewusstsein für die Bewahrung des kulturellen Erbes, nicht jedoch um die Situation von Flüchtlingen.

Lison: Auf regionaler Ebene, wie zum Beispiel beim südafrikanischen Dachverband LIASA [Library and Information Association of South Africa], könnte das zukünftig vielleicht ein wichtiges Thema werden.

Wellems: Was mich beeindruckt, ist das Engagement vieler afrikanischer KollegenInnen, die den Anspruch haben, Gesellschaften so weit zu verändern, dass keiner fliehen muss bzw. möchte.

Wäre es aber nicht doch wichtig, dass Bibliotheksverbände hinsichtlich strategisch-politischer Aspekte Position zur Thematik beziehen? Beispielsweise, welche Rolle Bibliotheken im Hinblick auf Integration und Zugang zu Wissen einnehmen sollten?

Lison: Die Kampagne ‚Building Strong Library Associations‘ setzt hier an. Durch Fort- und Weiterbildung fördert die IFLA nationale Bibliotheksverbände in Ländern, die keine stark entwickelten Bibliotheksverbände haben, die bisher keine professionelle Lobbyarbeit leisten können, und bewirkt dadurch eine strategische Aufrüstung. Bei der Arbeit der IFLA muss man sich das eher kaskadenartig vorstellen: Die IFLA regiert nicht in einzelne Länder hinein, aber eine solche Kampagne stärkt regionale Bibliotheksstrukturen, um letztlich politisch Gehör zu finden.

Frau Lison, was waren die größten Errungenschaften Ihrer vierjährigen Amtszeit?

Lison: Die Frage nach den IFLA-Amtssprachen war in der Tat sehr wichtig, insbesondere, was die Aspekte Dolmetscher und Mehrsprachigkeit der Website betrifft. Dann meine Aktivität in der E-Lending-Group der IFLA, wo wir eng mit EBLIDA zusammenarbeiten und Erfolge auf EU-Ebene vorweisen können. Und natürlich unsere Anstrengungen, in der Post-2015-Agenda der UN mit der Forderung nach einem besseren Zugang zu Informationen verankert zu sein.
Aus persönlicher Sicht sind die umfangreich entstandenen Kontakte zu nennen. In vielen Gremien war es erfreulicherweise üblich, dass die TeilnehmerInnen ihre landestypischen Leckereien zu den Treffen mitbrachten – ich habe stets Lübecker Marzipan von Niederegger beigetragen.

Wellems: Ob ich da als Hamburgerin in Zukunft Labskaus als Spezialität zu den Treffen mitbringen sollte…

Frau Wellems, wie möchten Sie Ihre bald beginnende Amtsperiode im Governing Board der IFLA gestalten?

Wellems: Ich hatte eigentlich vor eine IFLA-Pause einzulegen, da meine Amtsperiode nach acht Jahren bei der Sektion Parlamentsbibliotheken abgelaufen ist. Dann kam die Gelegenheit der Kandidatur für das Governing Board und ich habe tatsächlich lange überlegt. Als Aktive in den Sektionen wird man auf viele Dinge aufmerksam, die man bewegen will – schließlich investiert man sehr viel Zeit, Kraft und Energie in diese Arbeit. Und ich dachte mir schließlich, versuche es, vielleicht kannst du etwas verändern. Aus meiner bisherigen Perspektive stellen sich viele Prozesse als sehr zäh und kontraproduktiv dar. Es mag Gründe dafür geben, aber wenn man beispielsweise 150 Euro Administrationsentschädigungen, die jede Sektion erhält und die wir etwa für einen Workshop in Paris benötigen, erst nach monatelangem Betteln und einer Unmenge von E-Mails zugeteilt bekommen, ist das frustrierend. Manchmal ist einfach unklar, wie bestimmte Entscheidungen des IFLA-Headquarters zustande kommen – hier fehlt ganz klar Transparenz.

Wenn Sie auf Ihre IFLA-Amtszeit zurück blicken, Frau Lison: Was war der kurioseste Moment, der Ihnen widerfahren ist?

Lison: In der Arbeitsgruppe, in der es um die Mehrsprachigkeit und die Übersetzung der IFLA-Homepage ging, standen wir vor der Entscheidung, welche Sprache denn als Erstes nach Englisch freigeschaltet wird. Sowohl der Vertreter der französischen Sprachgruppe als auch der spanisch-sprachige Vertreter beanspruchten Platz zwei vehement für sich. Das Ergebnis waren äußerst hitzige Diskussionen mit teilweise hochkochenden Gesprächssituationen. Da hörte die diplomatsche Freundlichkeit, die bei der IFLA sonst gepflegt wird, tatsächlich auf! Letztlich fanden wir den Kompromiss, dass beide Sprachversionen fertiggestellt werden sollten und man diese gleichzeitig mit einem Aplomb bei einer großen IFLA-Konferenz in Mexiko veröffentlichen konnte.

Zum Abschluss des Interviews: Ihr Lieblingsbuch, -film und Ihre Lieblingsbibliothek?

Lison: Bulgakow, Michail: Der Meister und Margarita; Casablanca; Gemeindebücherei Helgoland

Wellems: Gustafsson, Lars: Der Tennisspieler; Yes, minister (BBC-Serie) und House of Cards mit Kevin Spacey; Bundestagsbibliothek

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: Nils Beese, Steffi Grimm, Marius Sarmann.

 

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