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Über Sinn und Unsinn von Bücherspenden

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Bibliotheken aus Europa und Nordamerika engagieren sich seit Jahrzehnten beim Aufbau von Bibliotheksinfrastrukturen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Ein Weg des Engagements sind Bücherspenden, die im eigenen Land gesammelt und im Anschluss über tausende von Kilometer in andere Länder und Kontinente transportiert werden. Dort bestücken sie die Regale von Schulbibliotheken – oder verstauben über Jahre in Abstellräumen von Gemeindezentren und Turnhallen. Was zumeist außer Acht gelassen wird und im Rahmen des IFLA-Weltkongresses (wieder einmal) scharf kritisiert wurde, ist die Unbedachtheit und Unprofessionalität, die Buchspende-Aktivitäten oft zugrunde liegen.

Unter dem Titel ‚Dynamic African Libraries for Young People‘ organisierte die IFLA-Sektion ‚Libraries for Children and Young Adults‚ eine vierstündige Veranstaltung zur Thematik. Die folgenden Ausführungen fassen die Session kurz zusammen.

Der Aufbau von Sammlungen in öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken erfolgt in afrikanischen Ländern nicht selten in Abhängigkeit von Bücherspenden aus dem Ausland. Da Buchspendeprojekte lokale Netzwerkstrukturen häufig nicht einbinden, werden individuelle Bedürfnisse von Communities ignoriert und Ressourcen zur Verfügung gestellt, die andernorts bereits als ‚aussortierbar‘ kategorisiert wurden. So entstehen Sammlungen, die an den Interessen von NutzerInnen vorbei zielen, kontraproduktiv zu Leseförderungsbemühungen sind und ein Desinteresse an Büchern befördern. Ein bedarfsorientierter Bestandsaufbau hingegen, der die spezifischen Bedürfnisse, Interessen und Perspektiven etwa von Kindern berücksichtigt und auf kindgerechte Sammlungen zielt, fehlt in vielen Regionen. Zudem ergibt sich die Herausforderung, dass adäquate Nutzerstudien im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur in vielen afrikanischen Ländern und Communities nicht existent sind. (vgl. Giles 2015).

Verschiedenste Vorträge im Rahmen des IFLA-Weltkongresses gaben Einblick in den praktischen Arbeitsalltag von Kinder- und Jugendbibliotheken in afrikanischen Ländern. Für Südafrika kann beispielhaft festgehalten werden, dass ein umfassendes und engagiertes Netzwerk von lokalen und regionalen Leseförderorganisationen beim Aufbau von Bibliotheken in benachteiligten Regionen involviert ist. Zu nennen wären in diesem Kontext etwa Biblionef South Africa, The Bookery, Masiphumelele Library, Nal’ibali oder PRAESA (Gewinnerin des diesjährigen Astrid Lindgren Memorial Award, der international höchst dotierten Auszeichnung für Engagement im Bereich Kinder- und Jugendliteratur).

Empfehlungen für eine professionelle ausländische Unterstützung beim Aufbau von Bibliotheksinfrastrukturen in Schwellen- und Entwicklungsländern wurden während der Session formuliert und lauten in aller Kürze:

  1. „In every library there must be books that are mirrors and windows.“ (Identifikation und Horizonterweiterung)
  2. Sammlungen von Bibliotheken müssen lokalen Bedürfnissen angepasst sein: Wenn Bücherspendenprojekte aus dem Ausland durchgeführt werden, sollte von Beginn an eine Integration von BibliothekarInnen vor Ort erfolgen. Beispielsweise, indem diese die spezifischen Bedürfnisse von NutzerInnen der Communities kommunizieren und an der Erstellung von Titelwunschlisten mitwirken. Dadurch wird zugleich gewährleistet, dass auch Bücher in regionalen Sprachen Berücksichtigung finden und Leseförderaktivitäten in der Muttersprache von Kindern und Jugendlichen möglich sind.
  3. Ein Transport von Büchern in Entwicklungs- und Schwellenländer sollte vermieden werden. Bücher können z.B. im Rahmen von Flohmärkten im eigenen Land verkauft, Überschüsse makuliert und die Erlöse in lokale Buchmarktstrukturen im Partnerland investiert werden. Internationale Kinder- und Jugendliteratur als Ergänzung zur Akquise von Büchern lokaler Autoren und Illustratoren sollten ebenfalls vor Ort gekauft werden. Die Investition in lokale (bzw. wenn nicht vorhanden, dann regionale) Buchmarktstrukturen stärkt Verlage, Buchhandlungen, Autoren und Illustratoren und ermöglicht eine nachhaltige Entwicklung von Marktstrukturen.
  4. Die Punkte zwei und drei sind nicht zuletzt vor dem Hintergrund zu sehen, dass Bücher Wirtschafts- und Kulturgut zugleich sind.

 

Die Kritik und Empfehlungen sind nicht neu, sondern werden seit Jahren von ExpertInnen der Entwicklungszusammenarbeit bzw. von BibliothekarInnen aus Schwellen- und Entwicklungsländern formuliert. Es wäre zu wünschen, dass sie umfassend dazu führen, dass zukünftige Buchspendeprojekte reflektiert und professionalisiert werden.

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