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Interview mit Detlef Pfeifer, Bibliothekar am Goethe-Zentrum in Windhoek, Namibia

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Am letzten Tag der Konferenz treffen wir Detlef Pfeifer, der seit mehreren Jahren am Goethe-Zentrum in Windhoek, Namibia, als Bibliothekar arbeitet. In diesem Interview vermittelt er spannende Eindrücke von seinem Leben und seiner Arbeit dort.

Herr Pfeifer, wie kommt ein deutscher Bibliotheksmitarbeiter nach Namibia?
Pfeifer: Ich habe Deutschland schon vor 25 Jahren verlassen und am Austausch vom Deutsch-Französischen Jugendwerk teilgenommen. Als das Programm zu Ende war, hatte ich weiterhin Interesse mit anderen Kulturen zusammen zuarbeiten und bin so nach Windhoek, Namibia gezogen. Dort bin ich 2005 als Lehrer im Goethe-Zentrum gelandet. Als die Stelle des Bibliothekars für ein Jahr unbesetzt war, wurde ich gefragt, ob ich dies machen wollte. Ich nahm das Angebot an und wurde für einige Jahre als Bibliothekar eingearbeitet. Nun betreue ich unsere Bibliothek mit einem Bestand von ca. 5000 Bücher, 500 DVDs, 300 Audiobüchern, Tages- und Wochenzeitungen.

Durch die deutsche koloniale Vergangenheit besteht eine spezielle deutsche kulturelle Beziehung. Wie tritt diese zutage?
Pfeifer: In Namibia ist die deutsche Sprache sehr verbreitet und sichtbar. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Schilder von der Lüderitzstraße. Das ‚Reiterdenkmal’ ist auf deutsch ausgezeichnet, genauso die „Christuskirche“.
Der deutsche Einfluss schlägt sich auch auf unser Bibliothekspublikum nieder. Unsere Zielgruppe sind hauptsächlich Namibier, die Deutsch lernen, sich für Deutschland und deutsche Kultur interessieren. Unsere Kundschaft, und dies ist der große Unterschied zu anderen Goethe-Instituten in Afrika, ist oftmals deutsch-muttersprachlich. Bei uns können sie sich über neue Literatur informieren, aber auch deutsche Tageszeitungen lesen um sich so auf dem Laufenden zu halten.

Was ist genau das Besondere an der deutschsprachigen Community in Namibia? Gibt es z. B. sprachliche Besonderheiten der deutschen Sprache in Namibia?
Pfeifer: Die Unterschiede kann man hauptsächlich am Vokabular feststellen. Es gibt z. B. einigen Einfluss von Afrikaans in die deutsche Sprache. „Herumschubsen“ heißt z. B. „rumskoppen“. „Feld“ wird „Veld“ geschrieben. Ein Indikator, dass die deutsche Sprache sehr präsent ist, sieht man auch daran, dass es dort die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas gibt (die Allgemeine Zeitung), die auch gleichzeitig die erste Tageszeitung Namibias ist. In den Nachrichten dieser Zeitung finden sich oftmals sehr interessante Wortgebilde. Außerdem existieren zwei deutschsprachige Radiosender.
Eine kleine schöne Anekdote am Rande bzgl. des Einflusses der deutschen Sprache in Namibia: Als ich 1996 nach Namibia gekommen bin, habe ich mir bei der Ankunft ein Radio gekauft. Am ersten Abend lag ich im Bett und habe versucht zu realisieren, dass ich in Afrika bin. Als ich einen englischsprachigen Sender eingeschaltet habe, war das erste Lied, das ich gehört habe, „Mama“ von Heintje. Mit anderen Worten: selbst in der englischsprachigen Kulturszene Namibias ist die deutsche Sprache sehr präsent.

Was sind die offensichtlichsten kulturellen Unterschiede zwischen dem deutschsprachigen Namibia und Deutschland?
Pfeifer: In Namibia geht es allgemein etwas ruhiger zu. Wenn ich z. B. einkaufe, nimmt die Verkäuferin sich Zeit, die Sachen in meine Tüte einzupacken.
Wenn ich in Deutschland an der Kasse stehe und es nicht direkt voran geht, kann es sein, dass einem der Wagen in die Hacke geschubst wird. Das heißt: Ich empfinde Deutschland als viel hektischer. Bei all den Vorteilen, die Deutschland bietet, sei es das Preis/Leistungsverhältnis, die Auswahl an Angeboten, freue ich mich also in Namibia zu sein. Mir ist die Lebensqualität in Namibia also allgemein lieber: es herrscht mehr Gelassenheit, mehr Ruhe und dazu gibt es noch ein angenehmes Klima.

Auf dieser IFLA-Konferenz ist uns zum ersten Mal die gute Vernetzung einzelner afrikanischer Länder aufgefallen. Wie tauscht ihr euch mit Partnern aus?
Pfeifer: Im Verbund mit Goethe-Instituten treffen wir uns einmal im Jahr. Außerdem tauschen wir uns ca. 1x im Monat in einem Newsletter aus. Wir haben auch Regionalprogramme, die vom Regionalbüro in Johannesburg initiiert werden. Ein überregionales Projekt heißt z. B. „Literary Crossroads“, wo Autoren aus verschiedenen Ländern Lesungen organisieren oder an Workshops teilnehmen.

Können Sie uns zum Abschluss noch eine Besonderheit Ihres Lebens in Namibia erzählen?
Pfeifer: Seit 2009 bin ich Präsident des namibischen Eisstocksportvereins. Eisstockschießen ist so ähnlich wie Curling oder Bowling auf Eis. Dort bin ich 12facher Landesmeister und 2facher Afrikameister. Dies würde mir in Deutschland nicht so schnell passieren. Ich sehe den Sport auch als eine Möglichkeit, etwas für die namibische Gesellschaft zu leisten. So haben wir ein Projekt initiiert, das das Eisstockschießen in die Townships bringt. Damit wollen wir vor allem Jugendliche ansprechen. Unser Ziel ist es, die erste Juniorenmannschaft Afrikas zu einer Weltmeisterschaft zu schicken. Das gelingt uns vielleicht schon bei der nächsten Weltmeisterschaft. Genügend Potential ist vorhanden. Manchmal wird unsere Jugendmannschaft auch die Cool Runnings von Namibia genannt.

Detlef Pfeifer und Nils Beese im Interview

Detlef Pfeifer und Nils Beese im Interview

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2 Kommentare zu “Interview mit Detlef Pfeifer, Bibliothekar am Goethe-Zentrum in Windhoek, Namibia

  1. Ein bewundernswerter Kollege. An dieser Stelle noch einmal meinen Dank an Herrn Pfeifer über das anregende Gespräch am „Botschafterabend“, welches ich sehr genossen habe. Gut, dass Du ihn Dir noch einmal gegriffen hast, Nils! Schöner Beitrag.

  2. Pingback: Ein Streifzug durch den IFLA-Weltkongress 2015 in Kapstadt – Eindrücke der BII-Nachwuchsstipendiaten | BII Stories

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