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Stipendiatenberichte und Neuigkeiten von Bibliothek & Information International

Ein Streifzug durch den IFLA-Weltkongress 2015 in Kapstadt – Eindrücke der BII-Nachwuchsstipendiaten

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Als Vorlage für dieses Blogposting dient ein Artikel aus der Zeitschrift  „BuB Forum Bibliothek und Information„, der in der Ausgabe 11/2015 veröffentlicht wurde.


IFLA-Eröffnungszeremonie - Mzansi Youth Choir

IFLA-Eröffnungszeremonie – Mzansi Youth Choir

Ein Samstag Mitte August 2015 in Kapstadt: Unzählige Touristen machen sich mit der Fähre vom restaurierten Werft- und Hafenviertel auf den Weg zu Robben Island, um auf der früheren Gefängnisinsel die ehemalige Einzelzelle Nelson Mandelas zu besichtigen. Während die Sonne auf den Tafelberg strahlt und der Atlantik winterlichen Wind in die Stadt bringt, beginnt im nahe gelegenen International Congress Center der IFLA-Weltkongress.

Mit dabei sind auch wir, das diesjährige Nachwuchsstipendiaten-Team von Bibliothek & Information International – allesamt Neulinge auf dem internationalen Parkett der IFLA und voller Neugier auf die anstehende Kongresswoche. Gemeinsam mit zwei Orientierungsstipendiatinnen sowie Delegierten verschiedener Gremien und Verbände ist es unsere Aufgabe, für die Bibliothekscommunity in Deutschland vom Kongress zu berichten. Ein subjektiver Rückblick.

Erster Pflichttermin für die deutschsprachigen Teilnehmer auf dem 81. IFLA-Weltkongress war der German Caucus. Die sich auf internationaler Ebene in IFLA-Gremien engagierenden und neu gewählten Mitglieder wurden kurz vorgestellt, wobei besonders ein Personalwechsel im Governing Board der IFLA im Fokus stand: Barbara Lison (Stadtbibliothek Bremen) schied nach vierjähriger Amtszeit aus und Christine Wellems (Parlamentarische Informationsdienste Hamburg) wurde neu in das Gremium gewählt.

Beide erklärten sich zu einem Doppelinterview mit uns als Blog-Team bereit, während dem auch die Frage nach einer Bibliothekswelt ohne IFLA thematisiert wurde. „Die Konsequenzen wären eine nationale Zersplitterung in strategischen Fragen, keine Repräsentanz auf Ebenen, wo diese Fragen auf höchster internationaler Ebene verhandelt werden, also zum Beispiel bei der UN, UNESCO oder der WIPO (Anm. der Autoren: World Intellectual Property Organization)“ , sagte Lison in diesem Kontext. „Viele regionale strategische Fragen würden wahrscheinlich nicht in der jetzigen Form diskutiert und gebündelt werden, um diese auf Weltebene voranzubringen. Und Wellems ergänzte, auch im Hinblick auf ihre bevorstehende Amtszeit im Governing Board: „Ich brauche als Bibliothekarin in einer Parlamentsbibliothek den fachlichen Austausch über nationale Grenzen hinweg. Ohne die IFLA wäre das nicht möglich.“ Aus ihrer bisherigen Perspektive stellten sich jedoch viele Prozesse als sehr zäh und kontraproduktiv dar, sagte Wellems weiter. Manchmal sei einfach unklar, wie bestimmte Entscheidungen des IFLA-Headquarters zustande kommen – hier fehle Transparenz.

Deutsch-koloniale Prägung Namibias

Als weitere Interviewpartner konnten wir zwei Mitarbeiter aus afrikanischen Goethe-Einrichtungen gewinnen: Detlef Pfeifer (Goethe-Zentrum Windhoek, Namibia) und Uwe Jung (Goethe-Institut Yaoundé, Kamerun) gaben uns Einblicke in ihre Arbeitswelt. Pfeifer schilderte etwa, dass die deutsch-koloniale Prägung Namibias in vielen Bereichen auch heute noch erkennbar ist, z. B. bei Straßennamen oder der Existenz einer deutschsprachigen Zeitung sowie eines Radiosenders. Die Nutzer seiner Bibliothek bestehen im Gegensatz zu anderen afrikanischen Goethe-Einrichtungen zu einem beachtlichen Teil aus deutsch-muttersprachlichen Personen. Auf die Aktivitäten des kamerunischen Goethe-Instituts machte uns Jung aufmerksam. Die Workshop-Reihe „Going Kompyuta? soll die Vermittlung von Sprachen durch den Einsatz von IT-Tools fördern. Mit diesem Ziel wurde die Sprach-App „African German Phrase Book entwickelt. Anhand der App können 150 deutsche Begriffe und Redewendungen in über 50 afrikanische Sprachen übersetzt werden.

Zum Abschluss unserer Interview-Reihe trafen wir Lambert Heller von der TIB Hannover. Wie wir war er das erste Mal bei einem IFLA-Kongress dabei. In Kapstadt schätzte er den intensiven Austausch mit Menschen aus aller Welt, die zwar alle im Bibliotheksbereich tätig sind, jedoch unterschiedliche Ansätze, Hintergründe und Kontexte aufweisen. So betonte er, dass das Thema Open-Source-Software auch beim diesjährigen WLIC einen wichtigen Diskussionspunkt darstellte. Aus der Perspektive von Schwellen- und Entwicklungsländern wird Open-Source-Software nicht als interessante Alternative, sondern als finanzierbare, sinnvolle Infrastruktur betrachtet, deren Weiterentwicklung forciert werden sollte. Auch die Notwendigkeit, veraltete Kommunikations- und Publikationskulturen der Bibliothekswelt aufzugeben, wurde während des Interviews formuliert. Heller: „Wie häufig wir von Open Access reden, es aber selbst nicht praktizieren, da sehe ich ein großes Problem.

Neben der Vor- und Nachbereitung von Interviews waren wir während des Kongresses intensiv mit der Übersetzung offizieller IFLA-Papiere befasst – beispielsweise mit der in Kapstadt veröffentlichten Stellungnahme zum Datenschutz im Bibliothekswesen, die aktuelle Herausforderungen thematisiert und Bibliotheken sowie Informationsdiensten als Handreichung dienen soll. Schließlich blieb auch etwas Zeit für den Besuch einzelner Sessions, Workshops und Podiumsdiskussionen, für deren inhaltliche Gestaltung die verschiedenen Sektionen der IFLA zuständig sind.

Scharfe Kritik an der Unprofessionalität von Bücherspende-Aktivitäten europäischer und nordamerikanischer Institutionen

Verschiedenste Vorträge im Rahmen des WLIC gaben Einblick in den praktischen Arbeitsalltag von Kinder- und Jugendbibliotheken. Unter dem Titel Dynamic African Libraries for Young People diskutierte z. B. die IFLA-Sektion Libraries for Children and Young Adultsüber den Aufbau von Bibliotheksinfrastrukturen in afrikanischen Ländern. Neben der Präsentation von Best Practice-Beispielen wie der südafrikanischen Organisation PRAESA (Gewinnerin des diesjährigen Astrid Lindgren Memorial Award, der international höchst dotierten Auszeichnung für Engagement im Bereich Kinder- und Jugendliteratur) wurde im Rahmen einer vierstündigen Veranstaltung scharfe Kritik an der Unprofessionalität von Buchspende-Aktivitäten europäischer und nordamerikanischer Institutionen geäußert. Diese bänden lokale Netzwerkaktivitäten häufig nicht ein, ignorierten damit individuelle Bedürfnisse von Communities und stellten Ressourcen zur Verfügung, die andernorts bereits als „aussortierbar“ kategorisiert wurden. So entstünden Sammlungen, die an den Interessen von NutzerInnen vorbei zielen, kontraproduktiv zu Leseförderungsbemühungen sind und ein Desinteresse an Büchern befördern. Ein bedarfsorientierter Bestandsaufbau hingegen, der die spezifischen Bedürfnisse, Interessen und Perspektiven etwa von Kindern berücksichtigt und auf kindgerechte Sammlungen zielt, fehlte in vielen Regionen. Neben der Notwendigkeit, BibliothekarInnen vor Ort von Beginn an in Buchspendeprojekte einzubinden, wurde insbesondere dafür plädiert, Bücher aus Europa im Heimatland zu verkaufen und die Erlöse in lokale Buchmarktstrukturen im Partnerland zu investieren.

„Building Bridges between Libraries and Research Data“ – einen Workshop zu diesem Thema organisierte Kathleen Shearer, die Vorsitzende von COAR (Confederation of Open Access Repositories). Dabei wurde die Research Data Alliance (RDA) vorgestellt, die datengetriebene Forschung und Innovation im internationalen Rahmen voranbringen möchte. Die Teilnehmer des Workshops forderten eine stärkere Einbringung der Bibliotheken in diesem Bereich. Das Netzwerk LIBER (Ligue des Bibliothèques Européennes de Recherche) beschäftigt sich ebenfalls intensiv mit Forschungsdaten und setzt sich dafür ein, Daten zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu erfassen. Damit das gelingen kann, sollten Bibliotheken den Lebenszyklus von Forschungsdaten verstehen und die Forschung entsprechend unterstützen, zum Beispiel beim Erstellen von Datenmanagementplänen.

Zwei der Schlüsselwörter, die während der IFLA-Konferenz bei vielen Gesprächen und Sitzungen immer wieder fielen, lauten Change“ und „Sustainability. Wie in den Jahren zuvor befasste sich auch 2015 eine Session ausschließlich mit Umweltaspekten und Nachhaltigkeit in Bibliotheken. In der Sitzung „Green Transformation for Sustainable Development wurde offensichtlich, dass zurzeit vielfältige Ideen und Ansätze in Bibliotheken in z. B. Brasilien, Kroatien und Deutschland implementiert werden. So hat es sich das Umweltministerium in Brasilien zur Aufgabe gemacht, Bibliotheken Bücher über Umweltbewusstsein kostenfrei zur Verfügung zu stellen, die dann in der Bibliothek weiter beworben werden können. Es wurde zugleich deutlich, dass ein Desiderat hinsichtlich eines einheitlichen und allgemein akzeptierten Zertifikats besteht. Bibliotheken seien in der Pflicht, so der Tenor, Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein aktiver in Bibliotheken zu forcieren.

„Friendly redesign“ von Bibliotheksgebäuden

In der Sitzung „Mid (21st) Century Modern: Visionary Library Design – Library Buildings and Equipment konnte man eindrucksvoll sehen, auf welch unterschiedliche Art und Weise den vielfältigen Herausforderungen begegnet wird, nutzerfreundliche Bibliotheksräume zu schaffen. Sieht man sich in Industrieländern zum Beispiel damit konfrontiert, Bibliotheksgebäude der 1960er und 1970er durch aktuelle Konzepte neu zu gestalten, versuchen viele ländliche Bibliotheken in Entwicklungs- und Schwellenländern ihren Bibliotheksraum durch budgetfreundliches und nachhaltiges „friendly redesign“ (Ari Katz, Regional Director for Asia, Beyond Access, IREX, Bangkok, Thailand) zu verbessern. Dieses Beispiel zeigt gleichzeitig eines der spannendsten Vorzüge eines Weltkongresses auf: Die Möglichkeit, Themen aus vielfältigen Perspektiven zu betrachten und dafür zu  sensibilisieren, wie mit Bibliotheksveränderungen in verschiedenen Kulturkreisen umgegangen wird.

Neben diesen inhaltlichen Einblicken bot der IFLA-Kongress die Möglichkeit, praxisnahe Eindrücke von der Bibliothekswelt vor Ort zu erhalten. So hatte einer unserer Nachwuchsstipendiaten die Gelegenheit, Gerhard Peschers, Bibliothekar in der Justizvollzugsanstalt Münster, in zwei Gefängnisbibliotheken in der Nähe von Kapstadt begleiten zu dürfen. Eine nicht alltägliche Möglichkeit, die entgegen aller Vorurteile aufzeigte, dass Südafrika über ein fortschrittliches Gefängnissystem verfügt. Seit der Präsidentschaft Nelson Mandelas wird vor allem Wert auf Resozialisierung und Bildung in Gefängnissen gelegt, Leseförderungsaktivitäten und Weiterbildung werden durch Programme wie „Reading for Redemption“ unterstützt. Häftlingen wird hier die Möglichkeit geboten, durch Lektüre ihre Haftstrafe zu verkürzen.

Die vielen herzlichen Begegnungen und der Austausch mit Bibliothekaren aus aller Welt machten den IFLA-Weltkongress in Kapstadt für uns zu einer äußerst bereichernden Erfahrung. Trotz des internationalen Kontextes waren wir als Teil des Blogteams von BII-Stories vor allem dem deutschen Netzwerk zugehörig und in die deutschsprachigen Kommunikationsstrukturen eingebunden. Dabei fiel uns ein angenehmer Unterschied zu Deutschland auf: Man duzt sich im Ausland recht schnell über Hierarchien hinweg, und die Distanz zur Heimat ermöglicht eine erfrischende Offenheit bei persönlichen Begegnungen. Die Aktivitäten der IFLA erscheinen uns nun nicht mehr politisch-abstrakt und schwer zu durchschauen. Vielmehr konnten wir die Umsetzungsstärke der IFLA kennenlernen, die durchaus für Diskussionen auf praktischer Ebene und konkrete Beschlüsse steht.

Nils Beese, Steffi Grimm, Marius Sarmann. IFLA-Stipendiaten 2015

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