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Die Fernleihe ist tot! – Die Fernleihe ist tot?

Ein Kommentar

Kolleginnen aus den USA und Italien stellten ihre Untersuchungen zu Fernleih- und Aufsatzbestellungen vor und waren selbst überrascht vom Ergebnis.

Mit „ILL is dead! Long live resource sharing!“ fand die IFLA-Sektion Document Delivery and Resource Sharing einen reißerischen Titel für ihre erste Sitzung. Bibliothekarinnen aus den USA und Italien stellten hierfür die Ergebnisse eigener Untersuchungen zu den Fernleih- und Aufsatzbestellungen in ihren Bibliotheken vor. Zwei Vortragspaare wollten zunächst die These überprüfen, dass die Zahlen von Fernleih- und Aufsatzbestellungen sinken würden. Im zweiten Schritt untersuchten sie, inwiefern Open Access und Resource-Sharing-Plattformen wie Sci-Hub oder Researchgate Einfluss genommen hätten.

Collette Mak von den Hesburgh Libraries der University of Notre Dame in Illinois und Tina Baich von der Indiana University – Purdue University Indianapolis (IUPUI) betrachteten jeweils die für Aufsätze anfragestärksten Monate Oktober und November der Jahre 2005 bis 2015 und gliederten die entsprechenden Zeitschriften nach den Library of Congress Subject Headings (LCSH) in vier Fachbereiche: Allgemeines, Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften. Zu ihrem eigenen Erstaunen wiesen die Graphiken unabhängig vom Fach eine Zunahme der Aufsatzbestellungen aus.
Der zweite Blick wurde auf die Einführung von Sharing-Plattformen gerichtet, die oberflächlich betrachtet direkt keinen Einfluss hatten.

Nachfragen aus dem Publikum im Anschluss der Präsentation legten aber die Lücken der Untersuchung offen. So wurde nicht berücksichtigt, wie stark die Zahl der Studierenden und der MitarbeiterInnen im selben Zeitraum gestiegen ist, sodass nur absolute und keine relativen Zahlen vorgelegt wurden. Außerdem gestanden beide Referentinnen, dass sie sich ohne die Zahlen von 2015, als die Zahl der Bestellungen wieder nach oben schnellte, zu der Bestätigung ihrer These hätten hinreißen lassen. So kamen sie aber zum Schluss: „ILL is not dead as we all experience.“

Silvana Mangiaracina, Leiterin der Biblioteca dell’Area di Ricerca del Consiglio Nazionale delle Ricerche di Bologna, und Elena Bernardini, Leiterin der Biblioteca del Polo Centrale di Medicina e Chirurgia in Mailand, knüpften daran an. Beide werteten die Daten des landesweit in Italien eingesetzten Fernleihsystems NILDE (Network for Inter-Library Document Exchange) für die Zeiträume 2005 bis 2009 und 2011 bis 2015 aus. Fortlaufend bis zum Jahr 2014 sind steigende Zahlen bei Aufsatzbestellungen verzeichnet worden. Das Jahr 2015 brachte erstmals einen Rückgang. Für die folgenden Jahre wollen sie die Entwicklung weiter beobachten, um festzustellen, ob es sich um einen einmaligen Rückgang oder den Beginn eines Trends handelt. Dennoch konstatierten beide Referentinnen: „Document supply in Italy is alive and kicking.“

Auch bei dieser Präsentation blieben leider Fragen offen. Unklar blieb der Grund für die Lücke, den die fehlenden Daten für das Jahr 2010 in die Untersuchung schlugen. Außerdem war es eher eine Randbemerkung, dass sich neben der Zahl der Bestellungen auch die Zahl der an NILDE teilnehmenden Bibliotheken im selben Zeitraum stark erhöht hat.

Klar wurde, dass die Entwicklung – ob Wachstum, Stagnation oder Rückgang – von Fernleihe und Dokumentenlieferdiensten von ganz vielfältigen Faktoren abhängt, die in der Sitzung nur angeschnitten wurden. Von Bibliothek zu Bibliothek können die Erfahrungen unterschiedlich sein. So erzählte mir Brian Miller, Head of Interlibrary Services der Ohio State University Libraries, dass die gebende Fernleihe stark wächst, während die nehmende Fernleihe rückläufig ist, weil mehr und mehr gekauft wird. Das eine bedingt wohl das andere.

Aber feststeht: noch zeigt sich die Fernleihe lebendig.

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Ein Kommentar zu “Die Fernleihe ist tot! – Die Fernleihe ist tot?

  1. Die methodischen Schwächen sind bedauerlich. In Deutschland käme bei einer Analyse noch die Herausforderung dazu den Einfluß der als DFG Nationallizenz gekauften Zeitschriftenarchive (backfiles) zu berücksichtigen.

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