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Harry Potter steht auf dem Index

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Obwohl die gehörten Vorträge bisher alle nur so strotzten vor Aufrufen für Freiheit, Gleichberechtigung und Empowerment, gibt es in den USA nach wie vor die Praxis der „banned books“: Wenn jemandem ein Buch, ein Film, eine Zeitschrift etc. missfällt, kann er/sie es aus der Bibliothek entfernen lassen. Auf diesem Index der verbannten Bücher stehen beispielsweise Harry Potter, Fahrenheit 451, Orwell’s 1984 oder The handmaid’s Tale. Was steckt hinter dieser Art von Zensur und wie wehren sich die US-amerikanischen KollegInnen dagegen?

Nutzen AmerikanerInnen noch Bibliotheken? Ja, 2/3 haben eine aktive Bibliothekskarte. Versuchen die Leute noch immer, Bücher zu verbieten – sogar im Zeitalter des Videostreamings und des Internets? Ja, und in Schulen und Bibliotheken gelingt es ihnen immer wieder. – So beginnt der aktuelle ALA-Jahresbericht 2017 über „Banned and Challenged Books“. In diesem Bericht werden alle Medien aufgeführt, für die es im Jahr 2017 einen formalen Antrag gab, um sie aus einer Bibliothek zu entfernen – diese Bücher werden als „challenged“ bezeichnet. Sofern dieser Antrag von der zuständigen Behörde auch noch genehmigt wird und das Buch tatsächlich aus der Bibliothek entfernt werden muss, handelt es sich um „banned“ Bücher.

People often express surprise that books are still being challenged. How quaint!

Wie oben schon beschrieben, ist die Bandbreite der Inhalte groß: von Kinderbüchern bis Erwachsenenromanen, von aktuellen Bestsellern bis Klassikern ist eigentlich alles vertreten. Damit diese Titel auf den Index kommen, geht es nicht einfach nur um gefallen oder nicht gefallen. Im Vordergrund steht (aus Sicht der Zensierer) der Schutz der Jugend oder die Sicherheit der Gesellschaft. Als Gründe für die Zensur werden meistens genannt: Gotteslästerung, Sexualität, Gefahr von Rassenunruhen oder (bei Jugendbüchern) zu anschauliche Sprache.

Die meisten Challenges sind Einzelvorkommnisse, in seltenen Fällen hat ein Buch drei oder vier Challenges. Ein Dutzend Challenges für einen einzigen Titel ist eine absolute Seltenheit und spiegelt vor allem einen Gesellschaftskonflikt wider. Vor zehn Jahren bekam Harry Potter diese unrühmliche Aufmerksamkeit wegen heftiger Anschuldigungen von Satanismus – und das gleich zwei Jahre in Folge. Aktuell ist es die Angst vor Selbstmord bei Jugendlichen, die den Titel „Thirteen reasons why“ von Jay Asher auf Platz eins der Top-ten-Liste der Challenged Books brachte. Auf der Homepage über banned books gibt der Kurzfilm einen sehr guten Überblick zu den Hintergründen und den aktuellen Top10.

Top 10 der banned und challenged books

Der jährliche Report erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn Diejenigen, die ein Verfahren oder Verbot von Büchern an die ALA melden, müssen häufig um ihren Arbeitsplatz fürchten. Zwar bin ich auf dem amerikanischen Buchmarkt überhaupt nicht bewandert, aber dennoch gespannt, welche Bücher denn neben Harry Potter als Gefahr für die Gesellschaft angesehen werden. Im Bericht für 2017 werden allein in der Kategorie Buch 49 Titel in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet, die in diesem Jahr eine challenge durchliefen oder sogar verbannt wurden. Darunter auch „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwoods aus dem Jahr 1985. Bereits 1990 wurde das Buch verfilmt. Im letzten Jahr gab es eine Neuverfilmung, diesmal im beliebten Serienformat. Die Serie wurde laut Wikipedia mit dem Emmy und dem Golden Globe Award ausgezeichnet. In Deutschland ist sie unter dem Titel „Der Report der Magd“ zu sehen. Der Buchtitel stand auf der Sommer-Hitliste einer Highschool in Pennsylvania und musste wegen seiner vulgären Sprache und seiner anschaulichen Sexschilderungen gestrichen werden.

Weitere Beispiele, die auch den deutschen LeserInnen bekannt sein dürften, sind:

  • „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury (1953), Grund: Gotteslästerung
  • „Der Drachenläufer“ von Khaled Hosseini (2003), Gründe: Gotteslästerung, Sexualität, Beschreibung von Vergewaltigung, Darstellung von Misstrauen gegenüber Erwachsenen
  • „The bluest Eye“ von Nobelpreisträger Toni Morrison (1970), Grund: Sexualität (Vergewaltigung, Inzest, Teenager-Schwangerschaft)
  • „1984“ und „Farm der Tiere“ von George Orwell, Grund: nicht altersgemäß. (Anmerkung im ALA-Jahresbericht: Nach den Monaten der Präsidentschaftswahl 2016 sei der Klassiker „1984“ in die top-ten-Bestsellerlist der New York Times aufgestiegen.)
  • „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger (1951), Grund: Persönliche Bedenken des Schulleiters wegen Gotteslästerung und Sexualität.
  • „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain (1884), Grund: anstößige Sprache

Aber auch Filme, Zeitschriften und Veranstaltungen schaffen es auf diese traurige Liste. Vor allem bei Veranstaltungen komme es häufig auch zu echter Gewalt, wenn diese trotz einer angestrebten Challenge stattfinden.

Today, our environment is larger than print. Where thought goes, the censors follow.

Seit Dezember 2016 führt das Office for Intellectual Freedom der ALA auch eine Statistik über Hassverbrechen und Volksverhetzungen in Bibliotheken, weil diese seit der Präsidentschaftswahl 2016 rapide angestiegen seien.

Seit über 130 Jahren wird in den USA diese Art der Zensur ausgeübt. Das allererste „banned book“ war 1885 Mark Twains „Abenteuer des Huckleberry Finn“. Die ALA versucht, ihre Bibliotheken als Verband zu unterstützen:  1967 gründete die ALA das „Office for Intellectual Freedom“, zwei Jahre später auch die Stiftung „Freedom to Read Foundation“, um öffentlichkeits-wirksame Maßnahmen zu finanzieren. 1974 wurde das erst „Intellectual Freedom Manual“ veröffentlicht und 1982 fand die erste „Banned Books Week“ statt, eine Veranstaltungswoche, in der US-weit auf die Folgen von Zensur aufmerksam gemacht wird. Weitere Aktionen folgten.

Jährlich werden die besten Ideen zur Banned Books Week veröffentlicht: http://www.ala.org/advocacy/bbooks/bannedbooksweek/ideasandresources/display

Heute gibt es zahlreiche Handreichungen, Workshops und webinare für BibliothekarInnen. Diese reichen von Tipps für Protestschreiben und Pressemitteilungen, über Argumente-Sammlung für öffentliche Anhörungen bis hin zu Protestorganisationen an Universitäten, Schulen und in den Städten gegen Challenges und für eine freiheitliche Demokratie. Es gibt ein Online-Formular, um challenged und banned books der ALA zu melden und man kann beim Office for Intellectual Freedom Unterstützung anfordern, in jeder individuell benötigten Form. Und die ALA wäre nicht eine amerikanische Association, gäbe es nicht auch jede Menge Merchandise-Artikel, von Aufklebern, Plakaten, Beuteln bis zu Tassen.

Im Rahmen der ALA-Conference gibt es noch eine weitere Protestmöglichkeit: BibliothekarInnen können aus ihrem liebsten banned book vorlesen und kommentieren, warum dieses Buch für sie bzw. die Gesellschaft wichtig ist. Das wird professionell aufgezeichnet und zur Banned Books Week im September auf YouTube veröffentlicht. Die Videos aus dem letzten Jahr können auch jetzt noch bzw. schon abgerufen werden – sehr sehenswert!

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Autor: bschmedemann

Zielgruppenbeauftragte der Stadtbibliothek Bremen

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