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Dafür ist man nie zu jung oder zu alt

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Gestern habe ich über neue Entwicklungen zum Thema Diversity berichtet. Sie alle wandten sich an Erwachsene, aber natürlich ist man für Diversity nie zu jung oder zu alt. Mal sehen, welche Ideen es für Kids gibt …

In der ersten Session geben die Referentinnen das Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft vor, frei von weißer Vorherrschaft, Rassismus, Hass und allen Formen von Unterdrückung. Inspiriert wurden sie dazu von den Nachrichten, die unkritisch Wahlrhetorik und Polizeigewalt zeigten. Um das zu verändern, wollen sie schon früh mit Kindern ins Gespräch kommen: „The most powerful change we can make is on the micro level, with what we teach our children about race and implicit bias.“ Ergreift man nicht die Chance, mit Kindern darüber zu sprechen, ziehen sie womöglich falsche Schlüsse aus dem was sie täglich sehen und werden nie in die Lage versetzt, den Status quo in Frage zu stellen. Natürlich geht es den Referentinnen nicht um politische Grundsatzdiskussionen, sondern um altersgerechte Formate, die sich auf jede Bibliothek übertragen lassen.

Sehr beliebt seien beispielsweise Verkleidungspartys. Die Kostüme stellt die Bibliothek, das Los entscheidet, wer welchen Charakter verkörpert. Die Kinder bekommen nur spärliche Informationen, zum Beispiel welche der anderen Charaktere sie mögen und welche nicht. Dann machen sie sich miteinander bekannt, lernen die Charaktere, aber auch die echten Menschen dahinter kennen. Sie lernen, wie es sich anfühlt, in einer anderen Haut zu stecken. Später lesen sie alle zusammen die Geschichte, in der die Charaktere vorkommen.

In einem anderen Format laden sie Schulklassen in die Bibliothek. Sie besprechen mit den 12-Jährigen u.a. das Eisbergmodell und machen Übungen, wie wir sie aus Interkulturellen Trainings kennen. Gemeinsam mit den Kindern schauen sie sich auch Buchcover an, um für unterschwelligen Rassismus und generelle Benachteiligung zu sensibilisieren. Nachdem gemeinsam entdeckt wurde, wo Gleichberechtigung und Wertschätzung fehlen, gestalten die Kinder ihre eigenen Buchcover. Ich finde, diese Cover sollten den Verlagen überreicht werden, um auch dort endlich eine Diskussion anzustoßen – schließlich geht es auch um deren künftige LeserInnen. Die Referentinnen greifen den Vorschlag gerne auf.

Sensibilisieren durch Fragen wie: Was siehst du? Was fehlt? Wer erscheint fotografisch auf dem Cover, wer als stilisierte Zeichnung – und was sagt das aus? Welche Hautfarbe haben Protagonisten, wenn es inhaltlich nicht um Diversity geht? Könnt ihr euch mit den Personen auf den Covern identifizieren?

Auch zum Thema Gender sind Buchcover sehr aussagekräftig: Farbauswahl, Zuordnung der Fähigkeiten, Darstellung von Figur, Körper und Mode – und vieles mehr. Häufig bringen die Kinder von selbst noch weitere Merkmale ein, die ihnen auffallen.

Wenn Kindern auf diese Art die Augen geöffnet werden, zieht das Diskussionen im Elternhaus und in der Schule nach sich. Deshalb beziehen die Refentinnen auch die Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen mit ein. Gleichzeitig sollen sie darin gestärkt werden, so mit den Kindern über Herkunft, Gender und sexuelle Orientierung zu sprechen, dass diese gefestigt und stolz durch Leben gehen können. Dafür wurde eine vier-wöchige Veranstaltungsreihe konzipiert, bei der Hintergrundwissen zu historischem wie systematischem Rassismus ebenso vermittelt wurde, wie positive Bilder über Schwarze, indigene Personen und People of Colour. Ausgehend von Bilderbüchern werden weiterführende Gesprachsanlässe vorgestellt und gemeinsam mit AutorInnen auch Lesungen für Familien angeboten.

Die Teilnahme sei überwältigend gewesen – sowohl in der Anzahl als auch in der Vielfalt der gesellschaftlichen Gruppen. Als nächstes soll das Programm auch auf weiterführende Schulen ausgedehnt werden.

Dass Verlage in Kinderbüchern gerne Stereotype oder homogene Gruppen darstellen, kennen wir in Deutschland leider auch. Die wenigen Verlage, die ihre Protagonisten so abbilden, wie sie auch in der Realität vorkommen oder gezielt das Thema Diversity behandeln, veröffentlichen meist nur kleine Auflagen, die schnell vergriffen sind. Umso gespannter war ich auf den Empfang des Verlages „Lee & Low Books – about everyone, for everyone“. Zu dieser exklusiven Einladung kamen wir Dank Andrea Jamison, die im Rahmen unserer Kommissions-Session auf dem Berliner Bibliothekartag darüber sprach „Why does diversity still matters“.

Der Verlag wurde 1991 gegründet und widmet sich seit Bestehen dem Thema „Diversity“. Bewusst wählte der Verlag für den heutigen Empfang eine Bar drei Blocks vom Kongresszentrum entfernt. Bei Sandwiches und Getränken komme ich schnell ins Gespräch mit AutorInnen, Verlagsmitarbeiterinnen und dem Inhaber selbst.

Rita Lorraine Hubbard hat das Kinderbuch „Hammering for Freedom“ geschrieben, in dem der Sklave William so lange Geld spart, bis er sich und seine Familie freikaufen kann. Dank ihrer Recherchen und dem Internet bekam Rita sogar zufällig Kontakt zu seiner Urenkel die heute in Frankreich lebt.

Pat Mora veröffentlichte das Kinderbuch „Bookjoy, Wordjoy“ mit zauberhaften Zeichnungen von Raul Colón. Seine Gedichte sind eine große Hommage an die Kraft der Wörter, darunter auch eine doppelseitige Liebeserklärung an Bibliotheken.

Begeistert bin ich auch von dem Buch „Every Month is a New Year“, in dem Silvester- und Neujahrsfeiern auf der ganzen Welt und durch den Jahreslauf gezeigt werden.

Für ältere Kinder gibt es auch Biografien über Persönlichkeiten, die sich für Menschenrechte und gegen Unterdrückung einsetzten – die Protagonisten kommen dabei aus den unterschiedlichsten Kulturen. Daran anknüpfend berichte ich von der Session „Let’s talk about race with kids“ (s.o.), von deren Fortbildungsreihe die MitarbeiterInnen auch schon gehört haben.

Nach zwei Tagen voller Vorträge und Gesprächen rund um Diversity wächst bei mir der Eindruck, dass das Thema hier einen neuen Meilenstein erreicht hat und längst kein Nieschen-Dasein mehr fristet. Bleibt zu hoffen, dass die US-amerikanischen KollegInnen diesen Weg weiter so erfolgreich beschreiten und wir auf der anderen Seite des Ozeans genauso stark mitgestalten – Ideen gibt es schließlich reichlich.

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Autor: bschmedemann

Zielgruppenbeauftragte der Stadtbibliothek Bremen

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