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Mein persönlicher Diversity-Tag

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Viele inspirierende Sessions rund um das Thema Diversity konnte ich heute besuchen. Von den beiden Interessantesten möchte ich im heutigen Blog berichten, denn sie geben nicht nur einen Ausblick auf künftige Bibliotheksentwicklungen, sondern auch tiefe Einblicke in Vergangenheit und Gegenwart der USA…

Bis auf den letzten Stuhl sind die 120 Plätze besetzt, weitere 20 Teilnehmende lauschen stehend entlang der Wände. Als Weiße bin ich zusammen mit vier weiteren deutlich in der Minderheit. In meiner ersten Session heute Morgen geht es um afro-amerikanische Führungspersönlichkeiten im Bibliothekswesen der USA. Zuerst werden in chronologischer Reihenfolge die wichtigsten WegbereiterInnen vorgestellt. Ihre Lebensläufe sind sehr beeindruckend und zeigen auf vielfältige Weise, wie sehr sie Visionäre, Mentoren, Bewahrer, Wissenschaftler sowie innovative und risikofreudige Persönlichkeiten waren bzw. sind. Ihnen zu Ehren will ich hier einige beispielhaft aufführen:

Sie alle waren bzw. sind nicht nur hervorragende BibliothekarInnen, sondern auch sachkundige PolitikerInnen. Dr. Carla Hayden ist ein Idol für viele: Gestern führte sie das Interview mit Michelle Obama während der Eröffnungsfeier. Bevor es offiziell losging, drehte sie noch einige Runden durch die Publikumsreihen und wurde gefeiert wie ein Popstar: Der Saal stand, klatschte und jubelte!

Im Rahmen des heutigen Vortrags berichten zwei weitere Referenten von ihren persönlichen Karrieren und machen den Anwesenden Mut: „Wenn ich Dekan werden konnte, besteht eine große Hoffnung für viele andere, diese Karriere ebenfalls zu machen!“. Aus dem Publikum melden sich spontan weitere Bibliothekare, die ebenfalls von ihren Mentoren berichten oder wie sie selbst es in Führungspositionen geschafft haben.

Mich beeindruckt besonders die positive Aufbruchstimmung: Trotz aller (oftmals auch rassistischen) Hürden und Missstände wird nicht gejammert, sondern gegenseitig ermutigt, Ziele und Träume weiter zu verfolgen. Bei allen Tipps und Handlungsoptionen wird immer wieder betont, dass sie auch für Menschen mit Behinderung, LGBTQIs und andere benachteiligte Gruppen wichtig sind.

Ein (weißes) Mitglied des Round Table of Library History meldet sich zu Wort und bedauert, dass sie in der Vergangenheit nicht kritisch genug über Rassismus in der Bibliothekshistorie berichtet hätten. Dies möchte er aber nun in Zusammenarbeit mit den ReferentInnen nachholen.

Was gibt es sonst noch zu tun? Die ReferentInnen sind sich einig: Die BibliothekarInnen an der Basis müssen andere vor allem für Ihren Beruf begeistern und inspirieren. Seien die Nachwuchskräfte erst einmal im System, gäbe es inzwischen reichlich Programme und Netzwerke, um sie für Führungspositionen zu fördern. Denn schließlich seien alle Teilnehmenden hier der beste Beweis dafür, dass wir alle stolz sein können auf diesen wunderbaren Beruf des Bibliothekars.

Und hier sehe auch ich eine große Parallele zu Deutschland: Auch wir müssen mehr für unseren Berufsstand begeistern – und zwar in allen Reihen! Programme zur Förderung von MigrantInnen für Führungspositionen sind zumindest in der bremischen Verwaltung gerade am entstehen – aber auch sie können nur greifen, wenn überhaupt Mitarbeitende mit Zuwanderungsgeschichte in den Einrichtungen vertreten sind. Welche Argumente auch die Gruppe der Zugewanderten von diesem vermeintlich langweiligen Beruf überzeugen könnten, wird mir in der nächsten Session wieder sehr deutlich.

Es geht um Stadtteilarbeit in öffentlichen Bibliotheken – aber mit neuen Inhalten. In unterschiedlichen Fortbildungsangeboten, webinaren und mit Leitfäden werden die amerikanischen KollegInnen auf diese (für viele scheinbar noch neue) Aufgabe vorbereitet. Mit Freuden höre ich, dass diese Fortbildungen nicht als „plug-and-play“ angelegt sind, sondern die Einbeziehung von Communities und die Experimentierfreude fördern sollen. Ziel ist es, von der einspurigen Informationsweise (Medien entleihen oder Veranstaltung besuchen) zu Echtzeit-Informationen zu gelangen: „Make sure that Democracy works!“

Ein neuer Trend sind dabei „Community Conversations“: Diskussionsveranstaltungen zu kritischen, unbequemen und emotionsgeladenen Themen mit VertreterInnen aus den Stadtteilen. Diese neuen Veranstaltungsformate sind bewusst nicht als Podiumsveranstaltung angelegt, sondern als Gesprächsrunde auf Augenhöhe mit allen Gästen. Beispielhaft werden Veranstaltungen zu diesen Themen vorgestellt:

  • Schwarz und schwul sein in Cleveland?
  • Sollten wir alle Feministinnen sein?
  • Von #metoo zu me-no-more
  • Was denken Sie über Waffengewalt?

In den Städten leben zwar die unterschiedlichsten Menschen, aber selten zusammen, sondern durch unsichtbare Grenzen getrennt. Die gilt es aufzubrechen und dafür gibt es keinen besseren Ort als Bibliotheken: „We are not just a building, we are beyond the building!“.

Bei den Diskussionsveranstaltungen müsse es deshalb auch immer darum gehen, die unterschiedlichen Perspektiven sichtbar zu machen, ohne die Gruppen weiter zu spalten, sondern um sie einander anzunähern. Auch müssen die unsichtbaren Gruppen eine Stimme erhalten und nicht nur die Mehrheitsgruppen. Deshalb ist es unerlässlich, mit den Communities zusammen zu arbeiten und Interessenvertreter mit ins Boot zu holen. Zusätzlich werden umfangreiche Schulungen vor allem zu Moderationstechniken angeboten, die sich ausdrücklich an ÖBs und WBs wenden:

Fortbildungskonzepte, webinare und Leitfäden zu Community Conversations.

Ein äußerst spannendes Format, das Bibliotheken als moderne Informationsvermittler auf unbequeme aber äußerst attraktive Art in den Mittelpunkt der Stadtgesellschaft rückt.

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Autor: bschmedemann

Zielgruppenbeauftragte der Stadtbibliothek Bremen

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